Menu

Neue Serie: Meine Geschichte

Alex Waldis TB<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-aegeri.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>6</div><div class='bid' style='display:none;'>5643</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>
In loser Folge laden wir Mitglieder aus unserem Bezirk ein, "ihre Geschichte" zu erzählen. Menschen öffnen für eine Geschichte ein Fenster ihres Lebenshauses.
Diesmal mit Alex Waldis (18)
Alex Waldis/Jürg Rother,
Wir kennen Madagaskar als das Land der Vanille oder durch den bekannten Trickfilm «Madagaskar». Während meines Sprachaufenthaltes suchte ich jedoch ein neues Abenteuer. Nach langem Suchen stiess ich auf eine Organisation, die der lokalen Bevölkerung im abgelegenen Dorf «Maventibao» kostenlose Schulbildung und medizinische Versorgung zur Verfügung stellt. Neben meinem Arbeitseinsatz war es mir dank der äusserst grosszügigen Gemeinschaft der reformierten Kirche Ägeri möglich, der Organisation Madaclinics einen Spendenbeitrag von CHF 1900.- zu übergeben.

Mit einer haarsträubenden Fahrt durch das madagassische Hinterland machte ich mich auf nach «Maventibao». Die vier stündige Fahrt überstand ich eingeengt zwischen fremdartigen Menschen, Säcken voll Reis und lebendigen Hühnern. Auf der schlechtesten Strasse, die ich je gesehen habe, wurde mir definitiv bewusst, dass ich mich nun in Madagaskar befand.

Als wir in Ambondromifehy, einer Siedlung nahe Maventibao, ankamen, wurden wir schon von etwa 12 Männern aus unserem Dorf erwartet. Sie haben für uns die 2-Stündige Wanderung auf sich genommen, nur um uns mit dem schweren Gepäck zu helfen. Diese Hilfsbereitschaft, die als selbstverständlich gilt, hat mich sehr beeindruckt. Nach dem Wandern durch den Mondschein kamen wir erschöpft in Maventibao an. Nono der Übersetzer zeigte mir mein eigenes kleines Zimmer (eine Holzhütte) und führte mich durch das schlafende Dorf. Danach wurde der Wunsch nach meinem Bett immer grösser und ich schlief zum ersten Mal in meinem neuen Zuhause.

In den nächsten Tagen gewöhnte ich mich an den gemütlichen «Lifestyle» in Maventibao. Das Hauptnahrungsmittel der Madagassen ist Reis, er wird Morgens, Mittags und Abends gegessen. Das fremdartige Essen hat mir einige Male auf den Magen geschlagen und ich war froh, nahe an einer Toilette zu schlafen... Auch lernte ich zu schätzen, früh ins Bett zu gehen. Um 17:30 Uhr ging normalerweise die Sonne unter und spätestens um 20:30 ging ich schlafen. In meinem kleinen Zimmer war ich natürlich begleitet von weiteren kleineren Mitbewohnern wie Geckos, Spinnen und Kakerlaken. «Mbola Tsara in Madagasikara» oder «Willkommen in Madagaskar»!

Während meinen ersten Tagen im Busch lernte ich die simple Lebensweise der Madagassen schätzen. Schon am zweiten Tag lernte ich Lucy kennen, ein 15 Jahre alter Junge, der zusammen mit seinen Eltern in einer Hütte lebt. Lucy war äusserst motiviert für seine Schulbildung und seine Eltern arbeiteten jeden Tag sehr hart, um das Schulgeld irgendwie aufzubringen. Seine Mutter half unter anderem mit, das Essen für uns zuzubereiten. Da ich in den folgenden Wochen sah, wie motiviert Lucy ist, überliess ich ihm bei meiner Abreise ein wenig von meinem persönlichen Geld, sodass er sich die lang ersehnten Schulbücher kaufen konnte.

Maventibao nahm ich als ein äusserst fröhliches Dorf wahr. Es hat mich erstaunt, wie viele Kinder in so einem Dorf leben können, man sah praktisch immer eine Gruppe, die spielte. Viele wollten meine fremde weisse Haut anfassen, da einige noch nie eine helle Person gesehen haben. Es war mir bewusst, dass aufgrund der fehlenden Verhütungsmethoden einige Familien sehr viele Kinder haben, jedoch habe ich nicht erwartet, dass manche acht oder mehr Kinder auf die Welt gebracht haben. Nono beschaffte vor einiger Zeit zwei Springseile. Diese waren heiss begehrt bei den Kindern, und sie animierten auch mich immer wieder, um mit ihnen zu spielen. Die Mädchen waren zudem sehr interessiert an dem mitgebrachten Nagellack meiner Volunteer-Kollegin aus den USA. Am meisten fasziniert waren die Jugendlichen (und einige Erwachsene auch) jedoch von meinem Mobiltelefon. Einige von ihnen haben zum ersten Mal einen «Touch-Screen» gesehen. Auch von den Dorfbewohnern wurde ich immer wieder aufgefordert, ein Foto von ihnen zu machen und ihnen dann das Bild zu zeigen.

Während den Wochen in Maventibao half ich tagsüber vor allem in der Klinik. Diese Arbeit gefiel mir sehr, denn somit konnte ich den Leuten auch wirklich helfen. Kyle, ein weiterer freiwilliger Arbeiter und angehender Arzt aus den USA, nutzte seine Zeit in Madagaskar, um an Schistosomiasis (Wurmerkrankung) zu forschen. Ich war mehr als glücklich, ihn bei den verschiedenen Schritten der Forschung zu unterstützen. Die Arbeit beinhaltete vor allem das Untersuchen von Urin mit verschiedenen Tests und dem Mikroskop. Zudem führten wir Buch über alle untersuchten und behandelten Personen. Allen Personen, bei denen wir die parasitären Würmer diagnostizieren konnten, verabreichten wir auch gleich das entsprechende Medikament. Zudem versuchten wir, Präventionsarbeit zu leisten, indem wir die Patienten auf die Risiken von nicht-abgekochtem Wasser aufmerksam machten, Posters herstellten und Lösungen empfohlen. Zweimal pro Woche gingen wir zu Fuss in weitere Dörfer, um die dortigen Bewohner zu untersuchen.
Für die Kommunikation mit den Patienten war es von meiner Seite her nötig, gewisse Sätze der lokalen Sprache zu lernen. Auch wenn Madagaskar eine ehemalige Kolonie Frankreichs ist, spricht in den abgelegenen Gebieten kaum jemand Französisch. Es kam durchaus zu einigen Situationen, die in einem lustigen Missverständnis endeten aufgrund der Sprachbarriere. In solchen Fällen musste ich auf Nono warten, der die lokale Sprache, Französisch und Englisch, sehr gut beherrscht.

Es war nicht immer einfach, das Schicksal einiger Patienten mitanzusehen. Neben den üblichen Beschwerden wie Grippe und Durchfall hatten wir sehr viele Patienten mit Geschlechtskrankheiten. Wir verteilten jeden Tag einige Antibiotika-Spritzen. Ein Fall, den ich miterleben durfte, war ein AIDS-und Tuberkulose-Kranker. An diesem Punkt konnten wir nicht mehr viel für ihn tun, ausser die Schmerzen zu lindern, und er starb auch einige Wochen darauf. Ein weiterer bewegender Fall war ein kleines Mädchen, das an stärkstem Asthma litt. Als die Mutter mit ihrer einjährigen Tochter in die Klinik kam, war der Kopf des Babys schon blau angelaufen. Dank dem schnellen und richtigen Handeln des Krankenpflegers konnten die Atemwege wieder geöffnet werden. Aufgrund der sehr starken Form von Asthma wurde der Mutter empfohlen, sie sollte dem Mädchen jeden Tag das Medikament verabreichen und für Kontrollen jede Woche wieder in die Klinik kommen. Nach diesem Tag sahen wir die Mutter und ihr Kind nicht mehr, das Schicksal der Kleinen ist mir also unbekannt.
Dieser Fall machte mich traurig, weil es die miserable Lage von vielen Menschen in Madagaskar aufzeigt. Die Bürger arbeiten nämlich so hart, dass viele gar keine Zeit haben, sich um die eigene Gesundheit und die der Kinder zu sorgen. So kommen viele gar nicht in die Klinik oder in einem sehr späten Stadium. So konnten wir einige Malariakranke beobachten, die schon in einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Krankheit waren. Ich erinnere mich gut an einen fünfjährigen Jungen, dem ich mein mitgebrachtes Malaria-Medikament mitgab, weil wir in der Klinik keines mehr hatten.

Neben dem Alltag in der Klinik blieb mir natürlich auch viel Zeit, um die Landschaft und Kultur kennenzulernen. Die Lemuren, die farbenfrohen Früchte, die Sonnenauf- und untergänge, die herumlaufenden Tiere und das Lachen der Kinder werde ich nie vergessen. Ich schätze es enorm, wie viele Eindrücke von der Kultur Madagaskars ich mitnehmen durfte, und dass ich mit meiner Arbeit helfen konnte. Ich bedanke mich zudem herzlich bei allen, die einen Beitrag an die Kollekte gemacht haben. Durch Ihre grosszügige Gabe ist es möglich, dass Madaclinics weiterhin besteht und die Menschen unterstützen kann.

Alex Waldis
11.09.2019
2 Bilder
weitere Bilder anzeigen
Fotograf/-in
Reformierte Kirche
Bezirk Ägeri

Seestrasse 71, 6314 Unterägeri
Coni
Verantwortlich: Cornelia Huonder
Bereitgestellt: 11.09.2019
social facebook